Zarastro: Westliche Tage

Zarastro: Westliche Tage

Author:
Annette Kolb
Author:
Annette Kolb
Format:
epub
language:
German

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Author: Kolb, Annette, 1870-1967
Kolb
Annette
1870-1967
Zarastro: Westliche Tage

ZARASTRO

Westliche Tage
von
Annette Kolb

1921
S. Fischer / Verlag / Berlin
1.—5. Auflage
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin

Zarastro

Dieses Buch, das auf Grund täglicher Aufzeichnungen entstand, enthält Enttäuschungen als sein Wesen. Es ist ein Tagebuch der Enttäuschungen, ich verhehle es nicht. Gerade sie sind das einzig wertvolle daran. Denn an allen Erlebnissen während dieser Jahre, an allen Szenen, allen Ereignissen, allen Episoden hat sich die Beobachtung ergeben, daß im wachsenden Umfang die besten Hoffnungen, die reinsten Zugehörigkeiten ihre dramatische Zerstörung nach sich zogen. Zu sehen, wie sie immer sehr buchstäblich zuschanden kommen mußten, versetzte mich erst in eine dumpfe, herabgestimmte Unruhe, und nur allmählich entdeckte ich, daß sich in allem die kleine wie die große Höllenmaschine menschlicher Niedrigkeit gleichsam eingebaut hielt, überall, auf dieselbe Weise und mit derselben Wirkung jede edle, jede vernünftige Absicht, jede Harmonie im Keim vernichtete. Diese Gefolgschaft, dies enge Schritthalten der Bösen — jeder Zufälligkeit bar — zeigt sich vom Anekdotischen bis zur Entladung so konform, daß es die Schicksale des einzelnen zur genauesten Replik der Weltschicksale prägt.

Erster Teil.

Am 1. Februar 1917 kam ich gegen Abend definitiv nach Bern. Im Zug — am Fenster — schlief ich zwischen Zürich und Baden auf einige Sekunden ein. Dabei rückten sich Bilder aus meiner Wohnung, aber um ein Drittel vergrößert — die sich also selbst vergrößert hatten —, selbst an einer Wand zurecht. —
Trotz dieser so unvermittelt aufblitzenden Vision wurde die Mutlosigkeit, gegen die ich anzukämpfen hatte, immer drückender, und geradezu trostlos gestaltete sich meine Einfahrt in die Bahnhofhalle. Es goß so recht von innen heraus, wie nur der Berner Himmel zu gießen versteht. So begibt man sich wohl ins Gefängnis, wie ich in das Haus, um dessen anheimelnder alten Stiege willen ich im zweiten Stock zwei kleine Zimmer mit einem Alkoven gemietet hatte. Übrigens waren sie noch nicht frei, und indessen wurde mir ein großes niedriges angewiesen, das sofort meine Abneigung erregte: bis auf einen gewaltigen Tisch von wahrhaft tröstlichem Umfang. Er stand mitten in der Stube, ganz auf sich beruhend:
Sieh mein geräumiges Rund, und wie gefällig es ist! Sahst du ein weiteres je?
Bürde nur füglich mir auf, was immer du willst. Ich schaffe noch Platz dir. Na also!
So redete er, halb in Hexametern, halb wie eine alte Kindsfrau zu mir, war immer optimistisch und richtete mich auf.
Das Münster aber, das so gut anhebt und so schlecht verläuft, beschattet und beherrscht den Platz, und die Aussicht hart vor meinen Fenstern ist durch ihn versperrt. Auch mein Herz schlägt hinter Riegeln. Ich bin nicht mit den Illusionen hergekommen wie das erstemal.
*                    *
*
4. FEBRUAR. Kalte regnerische Tage, unfroh wie die Stunde meiner Ankunft, welche Telramunds, als sei dies unvermeidlich, zuerst erfuhren. Die Lauben sind, wie es scheint, ihr Jagdrevier, denn kaum trete ich vors Haus, so schießen sie mir schon wie auf Rollschuhen der Neugierde entgegen, jedesmal mit einer Einladung zum Tee. Ich bin entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn sie ist natürlich nur verhörsweise gedacht. Fortunio rät von einer so schroffen Haltung ab. Wir diskutieren hin und her, und ich lasse mich leider überreden.
6. FEBRUAR. Tee bei Telramunds. Ich trage meinen teuren Pelz, denn es ist kalt, dazu aber ausgebesserte Schuhe, weil es regnet. Der Empfang ist übrigens von so glänzend imitierter Herzlichkeit, daß er mich fürs erste ganz beschämt. Wie unverkennbar ist doch im Grunde Telramunds Zuneigung für mich! Er erörtert meinen Roman in den höchsten Tönen, und wie freut sich Ortrud, mich zu sehen! Wie ungerechtfertigt ist der Name, den ich ihnen gebe! Wie funkeln Teekanne, Dose und réchaud! Wir sitzen ein wenig merkwürdig zusammen, es ist wahr! unsere sechs Knie eng aneinander gerückt: die meinen in der Mitte, wie die eines Delinquenten, von den beiden andern flankiert. Doch ist das nur zufällig vielleicht.
Wenn aber drei Leute sich äußerlich in so enger Gemeinschaft befinden, und zwei von ihnen werfen sich Blicke zu, so wird es der Dritte bemerken, auch ohne es zu wollen und ohne hinzusehen. Ortrud guckte wertschätzend von meinem Mantel herab auf mein Schuhwerk. Der Pelz einerseits und die Reparatur anderseits gaben zu denken. Wie aber konnten sich die beiden so vergessen, daß sie plötzlich anfingen, wie mit Fliegenklappen nach mir auszuholen und sich hochbefriedigt ansahen, wenn sie glaubten, mich ertappt zu haben?
Zwar lag es auf der Hand, daß ein so leicht zu überführendes Geschöpf unmöglich zugleich jene raffinierte Person sein konnte, für welche ich wußte, daß sie mich hielten. Aber wie resolut Leute von schlechten Instinkten jegliche hemmende Logik von sich weisen, wußte ich auch. Von neuem auf der Hut, beantwortete ich jede Frage mit einem Kunstbogen; als jedoch der Name Elisabeth Rotten fiel, hielt ich krampfhaft an diesem Thema fest. Telramund konnte ihren politischen Scharfsinn nicht genug loben (später stritt er ihn ihr öffentlich ab). So erzählte ich denn von ihrer schwer angegriffenen Gesundheit und ihrem Wunsch nach einer Erholungsreise. Diese aber sei nur durch List und Tücke zu erreichen. Es müßte also, meinte ich, mehr mitteilsam wie raffiniert, unter Vorspiegelung eines Vortrags, welchen sie dann natürlich nicht halten würde, ein Paß für sie erschlichen werden.
Die Idee wurde stillschweigend zur Kenntnis genommen. Blicke flogen . . . und es war unverkennbar, daß etwas nicht stimmte.
Bin ich nach Bern gekommen, dachte ich auf dem Rückweg, um mit Leuten zu verkehren, die ich zu Hause nie ertragen hätte?
Das Wetter hatte sich auf einige Stunden aufgehellt, und über der Brücke von Kirchenfeld flammten plötzlich die Alpen auf. Blaß und verheißungsvoll leuchtete die losgelöste Jungfrau über das Gewölk, das sich in schwarzen Massen zu Tale schob. Wie ganz und gar nicht existierend, dachte ich da, ist doch letzten Endes das Gemeine! Nur unser träges und verwischtes Sehen leiht ihm den Schein von Wesenheit, und Leuten wie Telramunds das Gesicht. Und zwei verschwisterte Seelen hatten da einen Bund geschlossen, wie die Hölle ihn liebt. Dabei war Telramund Berliner und Ortrud, wie zum Schulexempel, eine Französin aus der Provinz. Ach! Welch ein Schabernack wird doch über alle Grenzen hin mit unseren Gesetzen getrieben! Keine Feder wiegen sie auf gegen die Schleuderwaffen, über welche schlaue Unvernunft gebietet. Wohl haben wir gelernt, Weingärten und Äcker zu bestellen, veredelt hängen uns die Früchte von den Bäumen hernieder, und wie umsichtig, wie bewundernswert ist der Mensch angesichts seiner Felder! Nur vor sich selbst ist er stehengeblieben. Da jätet er nicht. Da steht überall goldener Weizen, von wild um sich greifendem, allgewaltigem Unkraut erstickt. Gegen die Natur, die Elemente, die Erde, ja die Luft selber schritten wir ein, nur vor uns selbst sinken uns die Arme, und wir lassen geschehen. Dies ist die bisherige Logik der Welt, der Nationen. Nicht einmal bis zu unseren Verbrecherstatistiken besannen wir uns — wie hätten wir da bis zu den Tabellen unserer verkleideten und ganz undrastischen Übeltätern gedacht? —
*                    *
*
Allseitige Verstimmung. Mein Wunsch, Fräulein Rottens Wunsch zu erfüllen, hat schwärzesten Verdacht erregt. Ich kannte die in Bern geschaffene Atmosphäre noch zu wenig, um zu verstehen. Warum in aller Welt, beschwert sich Fortunio bei mir, mischte ich mich da hinein! Welches Interesse hatte ich an dieser Reise?
Und diese Idee eines Vortrags! (Sogar er, es war unverkennbar, hat Argwohn geschöpft!)
Nur ein Vorwand natürlich! ich sagte es ja Telramund.
Fortunio zuckte die Achseln: er hat es Ihnen natürlich nicht geglaubt.
Die beiden werden uns noch sprengen!, brach ich aus, alle unsere Anstrengungen hintertreiben und uns alle zu Grabe tragen.
Mit Martin im Walde hatte ich ja meine Not. Die Verdächtigungen auf ihn regneten ohne Unterlaß. Schon während jenes Diners, welches Aramis bei meiner ersten Berner Ankunft gab, hatte ihn Telramund als einen Agenten mit doppeltem Schubfach bezeichnet, und Ortrud pfiff förmlich vor Hohn wie eine Maus. Daß ich widersprach, fiel nur auf mich zurück. Für einen ehemaligen Kruppdirektor also machte ich Reklame! Sprach dies nicht Bände? Daß er tatsächlich seine Stellung seinen Überzeugungen geopfert hatte, war ein Beweis mehr für seine Verschlagenheit. Den Bruder kannte er. „Den Bruder kenne ich!“ war sein Refrain.
*                    *
*
9. FEBRUAR. Ich miete einen Flügel: ohne Schmelz, ohne Tiefe, es ist wahr, und doch edel, weil immerhin ein Flügel. Gott sei Dank! Flügel sind jetzt sehr schwer zu kriegen! Ich bin einen ganzen halben Tag glücklich. Welches Glück! — es ist ein Glück, das ich der Protektion eines jungen Berner Pianisten verdanke. Wir hatten ein Zusammentreffen verabredet, um in die Fabrik zu fahren. In den Lauben kam Ortrud auf mich zu und äußerte den Wunsch, mich zu besuchen, und da ich ungeheuer eilig tat, begleitete sie mich, um zu sehen, ob es wirklich der junge Pianist war, der mich erwartet. Da er es wirklich war, denke ich mir, sie beruhigt sich jetzt.
10. FEBRUAR. Telramund erzählt mit vielsagender Miene, daß ich einen Flügel gemietet habe. Kein Zweifel mehr: ich bin eine Spionin.
11. FEBRUAR. Aramis gibt mir zu wissen, daß er sich wundere, weil ich ihm noch kein Lebenszeichen gebe. Ich unterließ es nur, denn er ist mir sympathisch, weil mir versichert wurde, daß er mir nicht mehr traue.
Es sei kein Grund, sagt mir Fortunio, ihn zu schneiden. Seufzend (da er mir ja mißtraut!) rufe ich ihn ans Telephon, und vor seiner Sprache, ach! wird mein zerrissenes Herz sofort wie eine Geige, in welche diese Sprache (auch die meine, ach!) hineingreift wie ein Bogen.
13. FEBRUAR. Gestern abend war ich bei Fortunio, und Martin im Walde fand sich zum ersten Male bei ihm ein. Vor dem Kriege hätte ich sie nicht einander zugeführt: Fortunio so musisch und sternengebannt, aber auch stemschnuppenhaft, Martin im Walde so schwerblütig, so problematisch und so vorbedacht! Heute aber muß alles zusammenstehen, was aufrecht blieb. Wie errichten wir sonst jene Dämme gegen die blinde Gewalt, den Schutzmauern vergleichbar, die sich so wacker gegen die Bergwände stemmen, um zur Zeit der Schmelze die Lawinen aufzuhalten? Auch unserem Planeten stand der Frühling nahe bevor, als die Lawine sich entlud, die allen Schutt nach oben warf und eine grünende Welt und alle Glocken der Vernunft mit ihren toten Blöcken und ihrem schmutzigen Geröll brüllend und dröhnend überzog. Jene Mauern, Lawinenschutz genannt, sind natürlich nur roh aufeinander geschichtete, jedoch wetterfeste Steine, die nichts anderes zum Ausdruck bringen, als die Not des Augenblicks, dem sie entstanden sind. So scheint mir heute, wo es den Kampf des menschlichen gegen das unmenschliche gilt, das wichtige nicht, glattes einzufügen, nicht einmal der inneren Gemeinsamkeit den Ausschlag zu lassen, sondern die Widerstandskraft und das Gewicht der Dinge zu bedenken.
Doch ach! Der als Schachfigur so schwer festzulegende Fortunio war heute auf meine Opportunismen nicht gestimmt, sondern wie zum Trotz in einer ganz herausfordernden, ganz interpellierenden, ganz konträren, um ihre eigene Wirkung ganz unbekümmerten Laune. Zu machen war da gar nichts. Im stillen nur nahm ich mir vor, auf dem Heimweg Fortunios Wesensart, welche Martin im Walde nicht geläufig war, so beweglich wie möglich zu schildern. Aber nicht einmal diese nachträgliche Intervention sollte mir gelingen. Denn als ich auf der Stiege in die Taschen meines Mantels griff, war mein Hausschlüssel nicht darin, die Nacht aber viel zu weit vorgeschritten, um meine Pension durch Glockenreißen zu alarmieren. Die übermüdete Fortunia, über die Rampe gebeugt, rief mich wieder zurück. Neben dem großen Empfangsraum lag ein schmales Zimmer. Ich bezog es ohne viel Worte und warf mich mit meinen Kleidern auf den breiten Diwan, der dort stand, ganz erledigt für den Rest der Nacht. Immer verschärfter schwebte mir die Bilanz des mißratenen Abends vor und regte mich auf. Wie ungut ließ sich doch alles an!
Eine tiefe Stille lag jetzt über dem ganzen Hause, den Wänden, den Fenstern und der Luft, als ob sie ein Signal erwarteten. Denn nebenan war plötzlich ein anderes Leben erwacht, eine andere Unruhe, als die des Tages, ein Rücken, Geknister, ein Gewisper, Disput und Ungeduld. — — Zwar ist dem Herzen kein Organ verliehen, das unsichtbare zu sehen, aber so mancher kennt gewiß jenes aussetzen seines Schlages, bevor es tiefer zu horchen beginnt . . . Es fiel mir ein, daß die ganze Häuserreihe dieser alten Gasse für mehr oder minder spukhaft galt; doch ein so wenig grauenhafter, höchstens malitiöser, nicht einmal boshafter Spuk war mir noch nicht begegnet. Neugierde trieb mich endlich hin zur Türe, hinter der er sich begab. Aber jenseits derselben hatte augenblicklich — als sei nie Lärm gewesen — Totenstille eingesetzt, und die Klinke, von Tücke besessen, widerstand allem drücken, drehen und schieben. Mit schmerzenden Händen ließ ich sie los und kehrte auf meinen Diwan zurück. Alsbald war Geknister und Getusche, rücken und huschen, Unruhe, Aufregung, heiseres Eifern und Streiterei im verstärkten Grade wieder da. Offenbar wollte die Gesellschaft von mir nichts wissen und boykottierte mich. Wie aber kam es, daß ich plötzlich wie unter freiem Himmel lag und den Arm aufstützte, als schirmten mich die Zweige eines Baumes, und als horchte ich statt zur Seite hin, tief unter die Erde hinab? Was immer mir jetzt in den Sinn kam, bot sich wie eine Zwiesprache dar. Dem Nixenbegriff lag wohl eine tiefe Erkenntnis zugrunde. Wie diesseits des Menschengeschlechtes, so sind aber auch jenseits desselben Geschöpfe Gottes denkbar, die an der entgegengesetzten Peripherie des Lebens beschattet stehen und hinausgerückt; und winzige, kaum bemerkbare Dinge könnten es sein, die ihnen ein leises Grauen vor ihrem eigenen Wesen entgegenhauchen: ihr unakkurater Sinn für Wirklichkeiten, ihr vorwegnehmen des Zieles über Hindernisse hinweg, ist wie ein gestörter Sehwinkel oder wie ein verkürzter Fuß, den solche Menschen durchs Leben ziehen, und sie erschauern, verzagen und vereinsamen bis ins Mark, wenn sie daran erinnert werden. Über die fernest abliegenden Dinge dachte ich hin und her. Aber warum in aller Welt überkam mich ein Heimweh nach dieser verschlossenen Tür, und um was für Dinge war mir denn leid? Du lieber Gott, wollte ich denn von allem haben!
Der ganze tumultarische Betrieb setzte übrigens mit einer spurlosen Plötzlichkeit aus, als hätte er nie geherrscht. Nur eins war deutlich: durch die Türe verzog er sich nicht. Es kam etwas anderes: aus dem unteren, nachts unbewohnten Stockwerk drangen sanfte Trommelwirbel, oh, so deutlich zu mir, und dann ertönten gedämpft, aber klangvoll, tamponierte Posaunen. Und dann kam das huschen und fegen eines Kleides, das schleifen einer Schleppe, ja! im Takt dieser erstickten Musik. Ich horchte mit allen Fasern. So fein, so spöttisch, so leicht! oh! in der Tat geistreich war der Rhythmus dieses pas-de-deux, waren die Füße, die Grazie, die Unkörperlichkeit dieses balancierenden Körpers im Klang der wonnig umhüllten Posaunchen. Tod und Leben in lächelnder Umarmung — Leben noch im Tode? Liebe selbst bei ihm? — Was verfing sich da eine Uhr, mit vier groben Schlägen in den Zauber hineinzufahren? Nichts rührte sich mehr. Im Augenblicke alles längst verflogen und verweht — welchem Sterne, welcher Nacht entgegen?
Nunmehr versank die Dunkelheit in ihrer eigenen Stille, und der Schlaf atmete mir jetzt — als käme er von außen — seltsam genug! — mit weiten Flügeln entgegen. Ich fühlte noch den Wunsch, mich ihm ganz zu überlassen, aber daß er mich dahintrug, schon nicht mehr. Gespannten, wachen Sinnes stand ich in der Mitte eines Saales — nicht wissend, daß ich schlief. Die Wände lagen im Zwielicht, und ein paar Leute saßen dort als Zuschauer herum. Ich fragte mich, was es zu sehen gab und merkte dann erst, daß ich es war, welche nun tanzte. Die Rhythmen nämlich, nach welchen ich mich drehte, „geschahen“, ohne zu verlauten, als stünden hier die Gesetze am Anfang aller Musik, noch ehe, oder ohne daß sie sich vertonten. Dabei geboten sie mit so wunderbarer und zwingender Macht, daß es unmöglich war, ihnen nicht zu folgen, und unwiderstehlich kreiste ich dahin. Mit einem Male hörte ich Fortunios Stimme von der Wand herüber auf französisch sagen: „Comme elle danse bien“! aber sehen konnte man ihn nicht, denn der Saal war nur in der Mitte hell. „Pourquoi dites-vous que je danse bien“? rief ich tanzend zurück. Und tanzte dahin, denn es gab nichts anderes mehr. Nur den Tanz. Ganz allein nur ihn; ohne innehalten, ohne Unterlaß, den Tanz allein in diesem Raume, der aufgehört hatte, ein Saal zu sein, denn seine Wände traten ins Endlose zurück. Nur allmählich merkte ich, daß sich jemand zu mir gesellt hatte und mich hielt und mit mir tanzte. Es kümmerte mich nicht. Die Erfüllung war zu tief, meine Augendeckel zu schwer, sie aufzuschlagen die Mühe zu groß! In den Rhythmen lag alle Wonne. Und sie gebaren ohne Übergang eine neue Phase, denn halb abwesend, halb aufmerksam sah ich nun doch meinem Tänzer groß ins Gesicht: matt von Farbe, mit schwarzem, glattanliegendem Haar war er mir gänzlich unbekannt und zugleich vollkommen vertraut; der sehr edle Umriß von Kopf und Schultern so geschlossen, daß er fast ausschloß, was er nicht selber war, fast negierte, was er nicht kannte. Was dünkte mir daran so fremd und so verwandt zugleich? Die Melodie einer Rasse, der ich entstammte, und doch nicht mehr die meine? von ihr hinausgerückt? verabschiedet von ihr? wiederum der Boykott? Gleichviel! wir tanzten. Eines Schrittes! Diese Zeitmaße kannten keine Zeit. So mögen Sterne kreisen. Aber auch was ich dachte, war nicht mehr aus seiner Bahn zu drängen: aus reinstem Lateinertum setzten sich die Elemente dieses Tänzers zusammen. Nicht das Gesicht eines bestimmten Menschen sah mich da an. Nicht dieses oder jenes — was dann? Das Sinnbild einer Rasse war zu mir hingetreten und tanzte mit mir. Jetzt wußte ich’s! — Aber die Entdeckung sprengte die Fesseln des Traumes: Ich lag auf dem Diwan gerade ausgestreckt, vor mir das Fenster, in dessen Scheiben sich von der Straße herauf der Reflex einer Laterne fing. Aber gleich darauf stand ich auf den Füßen. Noch nie so hoch aufgerichtet gewiß! Die Türklinke drehte sich lautlos und glatt, wie geölt. Aber die Kälte der Frühluft nach der Hitze der Nacht hatte vielleicht die Wandlung besorgt. Ich schlich durch den Gang, die Stiege hinab und ließ mich zum Tore hinaus. Ins Freie! Hinter den Scheiben leuchtete hie und da schon ein Licht aus den Lauben hervor. Im Hause, in dem ich wohnte, war eine Bäckerei. Unbemerkt kam ich in mein Zimmer. Es tagte noch nicht. Nach oben unkenntlich stand das Münster vor meinen Fenstern aufgerichtet, viel schöner und gewaltiger so, als mit dem übel verlaufenden Turm. Wie schien aber dies alles eine Wirklichkeit zweiten Ranges, sozusagen, wenn ich sie mit jener verglich, die mich in dieser Nacht umgab. Ich wußte zur Stunde mit der letzten Sicherheit, daß mein Traum sich erfüllen würde. Die beiden Rassen, die heute zu vereinigen solches Elend, solche Zerrissenheit bedeutet, werden eines Tages, allen Höllenhunden zum Trotz, das Glück der Welt durch ihren Bund begründen. Ach! Danach darf man nicht fragen, ob man selbst längst ein Schatten sein wird, wenn diese Dinge sich ereignen. Nur Mut, mein Herz! rief ich mir an diesem Morgen öfters zu, denn mit seinem fahlen Licht wuchsen die üblichen Ernüchterungen an.
Gegen Mittag kaufte ich Blumen und wählte Kuchen mit Bedacht, denn um vier erwartete ich Monsieur Aramis zum Tee. Nicht ohne Bangigkeit. Seinen ersten günstigen Eindruck hatte ihm ja Telramund gründlich auszureden verstanden. Als er in meine niedere Stube trat und mir die Hand entgegenstreckte und mich ansah, wurde es mir wieder fühlbar. Das Echo der Worte: „Sie lügt!

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