Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Author:
Alfred Döblin
Author:
Alfred Döblin
Format:
epub
language:
German

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Author: Döblin, Alfred, 1878-1957
Historical fiction
Biographical fiction
Wang
Lun
-1774 — Fiction
China — History — Qianlong
1736-1795 — Fiction
Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Die drei Sprünge
des Wang-lun
Chinesischer Roman
von
Alfred Döblin

1917
S. Fischer, Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung;
für Rußland auf Grund der deutsch-russischen Übereinkunft.
Copyright 1915 S. Fischer, Verlag, Berlin.

Zueignung

Daß ich nicht vergesse —.
Ein sanfter Pfiff von der Straße herauf. Metallisches Anlaufen, Schnurren, Knistern. Ein Schlag gegen meinen knöchernen Federhalter.
Daß ich nicht vergesse —.
Was denn?
Ich will das Fenster schließen.
Die Straßen haben sonderbare Stimmen in den letzten Jahren bekommen. Ein Rost ist unter die Steine gespannt; an jeder Stange baumeln meterdicke Glasscherben, grollende Eisenplatten, echokäuende Mannesmannröhren. Ein Bummern, Durcheinanderpoltern aus Holz, Mammutschlünden, gepreßter Luft, Geröll. Ein elektrisches Flöten schienenentlang. Motorkeuchende Wagen segeln auf die Seite gelegt über das Asphalt; meine Türen schüttern. Die milchweißen Bogenlampen prasseln massive Strahlen gegen die Scheiben, laden Fuder Licht in meinem Zimmer ab.
Ich tadle das verwirrende Vibrieren nicht. Nur finde ich mich nicht zurecht.
Ich weiß nicht, wessen Stimmen das sind, wessen Seele solch tausendtönniges Gewölbe von Resonanz braucht.
Dieser himmlische Taubenflug der Aeroplane.
Diese schlüpfenden Kamine unter dem Boden.
Dieses Blitzen von Worten über hundert Meilen:
Wem dient es?
Die Menschen auf dem Trottoir kenne ich doch. Ihre Telefunken sind neu. Die Grimassen der Habgier, die feindliche Sattheit des bläulich rasierten Kinns, die dünne Schnüffelnase der Geilheit, die Roheit, an deren Geleeblut das Herz sich klein puppert, der wässerige Hundeblick der Ehrsucht, ihre Kehlen haben die Jahrhunderte durchkläfft und sie angefüllt mit — Fortschritt.
O, ich kenne das. Ich, vom Wind gestriegelt.
Daß ich nicht vergesse —.
Im Leben dieser Erde sind zweitausend Jahre ein Jahr.
Gewinnen, Erobern; ein alter Mann sprach: „Wir gehen und wissen nicht wohin. Wir bleiben und wissen nicht wo. Wir essen und wissen nicht warum. Das alles ist die starke Lebenskraft von Himmel und Erde: wer kann da sprechen von Gewinnen, Besitzen?“
Ich will ihm opfern hinter meinem Fenster, dem weisen alten Manne,
Liä Dsi
mit diesem ohnmächtigen Buch.

Erstes Buch
Wang-lun

Auf den Bergen Tschi-lis, in den Ebenen, unter dem alles duldenden Himmel saßen die, gegen welche die Panzer und Pfeile des Kaisers Khien-lung gerüstet wurden. Die durch die Städte zogen, sich über die Marktflecken und Dörfer verbreiteten.
Ein leiser Schauer ging durch das Land, wo die „Wahrhaft Schwachen“ erschienen. Ihr Name Wu-wei war seit Monaten wieder in allen Mündern. Sie hatten keine Wohnstätten; sie bettelten um den Reis, den Bohnenbrei, den sie brauchten, halfen den Bauern, Handwerkern bei der Arbeit. Sie predigten nicht, suchten niemanden zu bekehren. Vergeblich bemühten sich Literaten, die sich unter sie mischten, ein religiöses Dogma von ihnen zu hören. Sie hatten keine Götterbilder, sprachen nicht vom Rade des Daseins. Nachts schlugen viele ihr Lager auf unter Felsen, in den riesigen Waldungen, Berghöhlen. Ein lautes Seufzen und Weinen erhob sich oft von ihren Raststätten. Das waren die jungen Brüder und Schwestern. Viele aßen kein Fleisch, brachen keine Blumen um, schienen Freundschaft mit den Pflanzen, Tieren und Steinen zu halten.
Da war ein frischer junger Mann aus Schan-tung, der das erste Examen mit Auszeichnung bestanden hatte. Er hatte seinen Vater, der allein im Fischerboot ausgefahren war, aus schwerster Seenot gerettet; ehe er dem Vater nachfuhr, gelobte er, den Wu-wei-Anhängern zu folgen. Und so ging er, kaum daß die freudevollen Examensfeiern vorbei waren, still aus dem Haus. Es war ein ehrerbietiger, etwas scheuer Jüngling, mit eingekellerten Augen, der sichtlich schwer unter seinem seelischen Zwiespalt litt.
Ein Bohnenhändler, ein rippendürrer Mann, lebte fünfzehn Jahre in kinderloser Ehe. Er grämte sich tief, daß niemand nach seinem Tode für ihn beten würde, seinen Geist speisen und pflegen würde. Als er fünfundvierzig Jahre alt wurde, verließ er seine Heimat.
Tsin war ein reicher Mann vom Fuße des Tschan. Er lebte in dauernder Wut, weil er, wie sehr er sein Geld schützte, alle Monate bestohlen wurde, wenn auch nur um Kleinigkeiten. Dazu kamen Erpressungen durch die Polizisten, Steuerbeamten; mehrmals brannten Häuser von ihm ab, von Böswilligen angesteckt. Er fürchtete, daß er eines Tages ohne Habe und Gut dastehen würde. Er fühlte sich macht- und rechtlos. Da verschenkte er sein ganzes Geld an blinde Musikanten, alte Hurenwirtinnen, Schauspieler; zündete selbst sein Haus an und ging in den Wald.
Junge Wüstlinge zusammen mit Dirnen, die sie aus den bemalten Häusern befreit hatten, wanderten herzu. Oft sah man die Dirnen, die zu den verehrtesten Schwestern gehörten, in eigentümlichen Verzückungen unter den purpurnen Kallikarpen, in den Hirsefeldern, und hörte sie unverständlich stammeln.
Sechs Freundinnen vom nördlichen Kaiserkanal, die man als Kinder verheiratet hatte, sprangen in dem Monat, in dem sie in das Haus ihrer Gatten gebracht werden sollten, mit einer Pferdekette aneinandergebunden, unterhalb ihrer Heimatstadt in den Kanal. Sie wurden, da sie beim Hineinstürzen sich an den Ufermauern verletzten, hängen blieben und laut schrien, gerettet von einigen vorüberziehenden Karrenschiebern, welche sie auf das nächste Polizeigewahrsam transportierten, nachdem sie die ganz willenlosen Mädchen mit Kleiderfetzen zur Not verbunden hatten. Als sie, auf dem Amt freundlich verpflegt, sich erholten und zurecht machten, kamen ihre Väter draußen angestürzt. Die Mädchen hörten die lärmende Auseinandersetzung mit den Wachen, stiegen durch ein hinteres Fenster hinaus und entkamen. Sie schlugen sich von Ortschaft zu Ortschaft durch, hielten sich in einer geschützten Berghöhle verborgen, verschafften sich durch Aushilfsarbeit auf den umliegenden Gehöften, in den Mühlen Nahrung. Die Jüngste von ihnen, ein fünfzehnjähriges blühendes Mädchen, die Tochter der Nebenfrau eines alten Lehrers, starb da, indem ihr ein Räuber Gewalt antat und sie dann erwürgte. Der Räuber trat nicht viel später zusammen mit den Mädchen einer Gruppe der Sektierer bei.
Im nordöstlichen China, in den Provinzen Tschi-li, Schan-tung, Schan-si, ja in Kiang-su und Ho-nan, in großen Städten mit hunderttausenden von Einwohnern, in den tüchtigen Arbeitsdörfern wie in den Spelunkennestern kam es alle paar Tage vor, daß einer auf den Markt ging und vor irgendeinem Betrüger, vor einem Bettelpriester, vor einem lahmen Kind, in einen Eselstrog sein Geld und seine Wertsachen ausschüttete. Daß Ehemänner aus kinderreichen Familien verschwanden; man traf sie nach Monaten in entfernten Distrikten, mit den Vagabunden bettelnd. Es ging hie und da ein unterer Beamter wochenlang wie benommen und träge herum, antwortete bissig auf jede Frage, zuckte frech mit der Achsel bei einer Rüge; dann beging er plötzlich ein erstaunliches Verbrechen, unterschlug öffentliche Gelder, zerriß wichtige Aktenbündel oder griff einen harmlosen Menschen an und zerbrach ihm Rippen. Verurteilt ertrug er seine Strafe und Schande gleichmütig, oder entwich aus dem Gefängnis, ging in den Wald. Dies waren die Leute, denen die Trennung von Familie und Besitz am schwersten wurde und die sich nur durch ein Verbrechen von ihnen ablösen konnten.
Sie trugen nichts vor, was man nicht schon wußte. Eine alte Fabel, die sie erzählten, ging von Mund zu Munde:
Es war einmal ein Mann, der fürchtete sich vor seinem Schatten und haßte seine Fußspuren. Und um beiden zu entgehen, ergriff er die Flucht. Aber je öfter er den Fuß hob, um so häufiger ließ er Spuren zurück. Und so schnell er auch lief, löste sich der Schatten nicht von seinem Körper. Da wähnte er, er säume noch zu sehr; begann schneller zu laufen, ohne Rast, bis seine Kraft erschöpft war und er starb. Er hatte nicht gewußt, daß er nur an einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein. Daß er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fußspuren zu hinterlassen. —
Ein Seufzen preßte das Land aus. Man hatte so glückverschleierte Augen nie gesehen. Ein Zittern ging durch die Familien. Und wenn abends wieder von den „Wahrhaft Schwachen“ und der alten Fabel gesprochen wurde, sah einer den andern an und morgens forschten sie, wer verschwunden sei.
Ein geheimes süßes Leiden schien besonders die jungen kräftigen Männer und Frauen befallen zu haben. Sie schienen fortgezogen zu werden von einer Art bräutlichem Schmerz.
 
Wang-lun war das Haupt der Bewegung.
Er stammte aus Schan-tung, aus einem Küstendorfe namens Hun-kang-tsun, im Distrikt Hai-ling; der Sohn eines einfachen Fischers. Er erzählte später in beiläufigen Wendungen, sein Vater sei der erste der dortigen Fischerzunft gewesen; an der Wand des Zunfthauses stünde noch der Name seines Vaters, des Begründers dieses Hauses. Aber in ganz Hai-ling gab es kein Gildenhaus. Die zweihundertzwanzig Familien des Örtchens schlugen sich mühselig durch. Die Männer schwammen zum Fang auf dem Meere; die Frauen bestellten die wenigen Felder. Der Boden war so knapp, daß man künstliche Äcker auf den breiten Terrassen der Kalkfelsen anlegte, welche dicht an den Strand traten. Mühsam schleppte Mann und Weib die lockere Erde auf Holzmulden herauf, über die schmalen Serpentinen, Mulde nach Mulde, dann warfen sie den spärlichen Dünger, trockene Krebsschalen und Menschenkot.
Dort über dem Meere wirtschafteten Weiber, Kinder und alte Männer tagsüber; Geplärr und dumpfes Rumoren scholl herunter in das leere Dorf. Es hatten früher hier mehr Familien gewohnt. Aber über fünfzig Häuser waren eines Tages von einem vorüberziehenden plündernden Haufen, der von Tschi-fu herkam, in Brand gesteckt worden. Dem alten Dorfschulzen hatten sie zwischen zwei Gneisblöcken die Füße gequetscht, als er nicht die zweihundert Tael zahlte, die sie verlangten, dann ihm mit einem Balkenschlag den linken Arm zermalmt und ihn, nachdem sie ein breites Loch in das Eis geschlagen hatten — es war Winter —, in einen Tümpel geschleudert. Das stoßweise Gebrüll der sechs Mann, die den jammernden Schulzen immer wieder mit Brettern niederdrückten, das Klatschen der Planken auf der Eisfläche, das laute Schlingen und Wasserspeien des Ertrinkenden, dazu das ungeduldige Wiehern ihrer gestohlenen Pferde, war eine der wenigen Kindheitserinnerungen Wang-luns.
Mit Sonnenaufgang fuhr der alte Wang in den beiden heißen Monaten aufs Meer hinaus, auf einer zweimastigen Dschunke, die am Bug aus zwei großen grünen gemalten Glotzaugen spähte. Zu fünfen saßen die Fischer drin. Die Segel schwellten; sie legten die Ruder hin; gleichmäßig glitten sie einher über dem dunklen Pei-ho neben der Nachbardschunke. Sie warfen draußen das verschlungene scharfriechende Netz aus, spannten es von Dschunke zu Dschunke. Die Drehrollen, die das Netz senkten und zogen, knarrten, heulten, standen fest.
Die Männer blieben bis zum späten Nachmittag draußen. Die Sonnenhitze fiel wie ein trockener sengender Regen über Mensch und Getier. Dickwanstig saß der alte Wang unter seinem tellerförmigen riesigen Strohhut auf der Ruderbank und warf mit spitzen Steinen nach den Seemöwen, die hinter den Dschunken aus der flimmernden Luft tauchten. Während die andern Bootsleute im Schiff die Pfeife rauchten oder Tabak kauten. Sobald Wang seine Schleuder ordnete, setzte sich ein kleiner Bootsmann vor ihn an den hinteren Mast, rauchte sorglos, holte vorsichtig einen elastischen Weidenstock unter dem Tauwerk hervor. Die Schleuder knarrte, der Kleine reckte sich mit tönendem Gähnen, die Schleuder wickelte sich um seinen Stock und ausgestreckten Arm, knallte mit dem Stein unfehlbar dem gespannt wartenden Wang vor die Brust oder auf die Beine. Betrübt sah er seiner schwirrenden Möwe nach. Das Boot schwankte unter dem Lachen der vier, die sich auf die nassen Bretter legten.
Wang torkelte großspurig durch die Teestuben, bewarb sich einmal, eines unbeschäftigten Morgens aus seinem Bohnenfeldchen aufstehend, um die Stelle eines Ortsvorstehers auf dem Amt, zur weinenden Wut seiner abgerackerten Frau, die den Spott über Wang voraushörte. Gern lag er im Sande, neben den Becken, die seine beiden Söhne mit Holzkohlen füllten zum Trocknen der Tintenfische. Zündeten sie um die Zeit der Ebbe die Becken auf der Dschunke selbst an, so trabte er zum Strande und hockte sich hin. Da lagen halb umgestülpt die leeren Fischkörbe, ausgebreitet im Sande die gedörrten Tiere, die in der Sonne sich schön färbten. Sie fühlten sich glühend an.
Der Dickwanst stocherte in den Schlammlöchern herum, zog lange Sandwürmer heraus, von denen er die Hälfte seiner Frau zum Trocknen und Verkauf gab. Er selbst behielt sich abseits ein großes Maß, trocknete sie heimlich und schlürfte seine herzhaft köstliche Suppe hinter den Körben.
Dann kamen nach einer Weile die beiden Knaben von der Dschunke herüber, wickelten ihm, da er schwitzte, seine Beinbinden los. Sie kauerten ernst vor ihm mit ihren kleinen Rattenschwänzen, den Zöpfchen und legten die Hände auf den Schoß. In hochmütig näselndem Tone, laut, daß ihn die Nachbarn hörten, redete Wang über sie hinweg, den feisten Rumpf aufgetakelt, rückwärts gestützt auf den Ellenbogen; das nannte er seine Unterrichtsstunde. Er kannte in der Tat die Fibel, das Buch der tausendachtundsechzig Worte des Tscheou-hing-tse; bis auf einige Fehler kannte er es auswendig; es schien auch, als ob er aus dem Frauenbuche einige Sätze gelernt hätte. Immer wieder erklärte er den Kindern, daß er bedaure, nicht streng genug zu ihnen zu sein; Strenge zu ihnen sei seine heilige Pflicht, denn — und die Kinder fielen singend ein: „Erziehung ohne Strenge ist des Vaters Trägheit.“
Und alle paar Tage hörte der künftige Lehrer dreier Provinzen, daß Freude, Zorn, Kummer, Furcht, Liebe, Haß und Begier die sieben Leidenschaften seien. Nicht oft konnten die Kinder ihn unbeschäftigt anhören. Wang-luns Gesicht war schwarzbraun und viereckig, breit; kräftige Linien holten ein reges, verschlagenes Gesicht aus. Die zarte mehr gelbe Tönung der Haut seines gleichaltrigen Bruders nahm trotz aller Meeresgluten keinen tieferen Schatten an; der Knabe blieb elastischer, weicher und ernster als Wang-lun, der wegen seiner bösartigen Späße unter den Spielgefährten wenig beliebt war, auch wenig Verständnis für einen der Sätze seines Vaters hatte: daß zu den fünf höchsten sittlichen Beziehungen die Bruderliebe gehörte.
Munter, mehr spielend als tätig, saßen sie rotkäppig auf den kantigen Steinen des Strandes an dem großen Fischnetz. Auf einer grasbewachsenen Düne hinter ihnen zehn Männerschritte entfernt lagerte der unförmige alte Wang; die nackten, dunkelbehaarten Beine aufgestellt und übereinander geschlagen, kratzte er sich die kleinen eingetretenen Muscheln von der klobigen Fußsohle ab. Er hielt in seiner liegenden rechten Hand ein Ende des Netzes, das die Knaben mit dem dickflüssigen Saft der Mandarinenschale färbten. Er rückte sich höher; die Kinder schnalzten musikalisch, er spuckte und grunzte. Dröhnend entfuhr ihm von Zeit zu Zeit eine Belehrung, zum Beispiel: „Der Kürbis gilt seit altersher als Zeichen der Fruchtbarkeit.“ Bis ihm ein Windstoß scharfen Sand ins Gesicht wehte, er sich hustend aus seiner Grube herauswälzte und ihre Farbschüssel umwarf. Mit kläglich bettelndem Blick sagte er, sie hätten wohl nicht den richtigen Ort zum Färben gewählt. Und sie wickelten ihm seine Binden wieder um und zogen ein paar Schritt weiter.
Das größte Ereignis im Leben von Wang-luns Vater war, als der Alte zu seinem Bruder reiste, zur Hochzeit seines Neffen, dreihundert Li entfernt von Hun-kang-tsun. Der Alte sah drei Wochen den Strand und die mageren Bohnenfelder nicht. Ein Barbier, der nebenbei Zauberer war, wohnte im Hause seines Bruders; Wang-schen saß abends viel mit ihm zusammen.
Und am Morgen, nachdem er zurückgekehrt war, ging er mit langsamen Schritten zu einem Manne, der Tischlerarbeit verstand, versprach ihm ein Maß getrockneter Sandwürmer, entsprechend einem Wert von vierhundertfünfzig Käsch, wenn er ihm ein rotes hohes Schild schnitzte mit der Inschrift: „Wang-schen, Schüler des berühmten Zauberers Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun, Wind- und Wettermeister.“ Als es dunkel geworden war, nach sechs Tagen, holte er das blanke Schild, schwarze Charaktere auf himbeerrotem Grunde, blau gerändert, mit seinem ältesten Sohne ab, band es mit zwei Fischertauen, auf das Dach seines Hauses steigend, am vorspringenden Firstbalken an, während seine Frau schlief, so daß da über den Torweg frei ein Schild herabhing: „Wang-schen, Schüler des berühmten Zauberers Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun, Wind- und Wettermeister.“
Die Frau bekam am Morgen, als sie das prunkende Schild sah und ihren noch schlafenden Mann geweckt hatte, ihren Nervenanfall, den sie seit Jahren nicht gehabt hatte. Sie hatte damals, als einer der Brandstifter zum Fenster hereinrief, ob außer ihr noch jemand in der Wohnung wäre, voll Entsetzen die beiden einjährigen Kinder zwischen ihren weiten Pluderhosen festgehalten, dabei mit dem „Nein“ scharf den Kopf nach rechts geworfen. Jetzt wogte ihr etwas Grünes durch den Kopf, die beiden Taue des Schildes wuchsen breit wie Blätter, sägten ihr zwischen den Augen; ein blauer gelenkloser Arm langte zwischendurch, eine Hand strömte ihre Finger auf sie zu. Im Takt warf die Frau ihren Kopf von links nach rechts, von rechts nach links, ihre Beine schlugen zusammen, sie tanzte wie die Figur eines Puppenspielers; die Kinder versteckten sich vor ihr auf dem Ofenbett.
Und hell schrien sie auf und rasten auf die Dorfstraße zwischen kläffende kleine Hunde, als aus dem Hof Wang, der alte elefantenbeinige Klumpen, in das räucherige Zimmer drang, mit einer Tigermaske hin und her stapfte und dabei schnaufend sang, über die Frau, die hingesunken war, strich, flüsterte. Nach einer halben Stunde schlief die Frau. Eine Menge von Kindern und Weibern stand an der Tür, schwieg auf dem Hof, stob vor der nahenden Tigermaske schnatternd auseinander.
Dieser Tag war eine Wendung im Leben Wang-schens. Seine Frau sagte kein Wort über das rote Schild, ja sie wurde wortkarg im Umgang mit dem Mann, schlich ihm aus dem Wege.
Er gab sich jetzt nicht mehr als kleiner Gelegenheitslehrer. Er studierte emsig im Hofe unter einer Erle die sonderbaren Zeichen auf einer Bambustafel, die er von dem Zauberer mitgebracht hatte, ging zwischen dem Misthaufen und Geräteschuppen gehobenen Hauptes auf und ab, zitierte laut: „Acht mal neun gleich zweiundsiebzig. Zwei regiert das Paar. Durch Paar vereinigt man das Unpaar. Das Unpaar regiert den Zodiak. Der Zodiak beherrscht den Mond. Der Mond beherrscht die Haare. Daher wachsen die Haare in zwölf Monaten.“ Verblüfft sah er von Zeit zu Zeit auf die Tafel; sann, über sich selbst beschämt, nach, befreite sich durch eine rasche niederwerfende Geste. Er ging mit krauser Stirn zwischen den eifrig arbeitenden Fischern am Strand abends herum, äugelte versunken mit den violetten Wolkenballen, blieb vor dem kleinen Pudel eines Korbarbeiters lange nachdenklich stehen, sagte träumerisch, als wenn er mit sich spräche: „Sieben mal neun gleich dreiundsechzig. Drei beherrscht den Polarstern. Dieser die Hunde. Daher werden die Hunde in drei Monaten geboren.“
Nur in der ersten Zeit lachte man hinter ihm, dann bürgerte sich die Auffassung ein, daß er wahrhaft das Zeug zu einem taoistischen Doktor habe, dieser ehemalige Clown des Dorfes. Er wußte so vieles: daß die Schwalben und Sperlinge ins Meer tauchen und zu Eidechsen werden; er konnte den tausendjährigen Fuchsdämon, den neunköpfigen Fasanendämon und den Skorpiondämon benennen; und niemand verstand, was er vom Yin und Yang, dem lichtvollen Männlichen und dem finsteren brütenden Weiblichen sagte.
Er fuhr auf See. Als er eines Morgens versuchsweise nicht zu den Dschunken herabgegangen war, stand seine Frau still vor ihm am Ofenbett. Er erkannte zwischen den zwinkernden Augenlidern, daß sie ihn wie sonst mi

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